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Insider behaupten: Es gibt ausreichend Fachkräfte, besonders Ingenieure. Warum die vielen offenen Stellen?

Firmen sollten ihre Angebote verbessern und den Fokus auf mehr Innovation legen.

Der Verband der Deutschen Ingenieure (Vdi) meldet in seinem aktuellen Ingenieurmonitor eine Ingenieurslücke von 105 700 offenen Stellen – das ist Rekord, seit im Jahre 2 000  mit solchen Erhebungen begonnen wurde.

Hiobsbotschaften geistern durch das Land. Die Wirtschaft habe im vergangenen Jahr allein aufgrund dieser Lücke acht Milliarden Euro verloren. Siemens-Vorstand Peter Löscher warnt: „Deutschland bleibt ein Land der Techniker und Bastler, aber uns geht der Nachwuchs aus.“ Es gehe um die „Basis für unseren Wohlstand und für den Klang ‚Made in Germany‘“.

Zahlreiche Initiativen dienen dazu, junge Menschen für den Ingenieurberuf zu begeistern und für die Fächer Maschinenbau, Elektrotechnik oder Informatik zu interessieren. Und die Unternehmen sagen den Neueinsteigern gute Berufsaussichten mit entsprechendem Gehalt zu.

Zahlreiche Bewerber erhalten trotz guter Ausbildung keinen guten Einstiegsjob, wie die Beispiele von Hochschulabsolventen zeigen. Vielfach kommt es trotz guter Qualifikation noch nicht einmal zu einem Gespräch in der Personalabteilung; denn diese erkennt oftmals nicht, dass der Bewerber als Maschinenbauer auch in anderen Fachgebieten gut gebraucht werden könnte. Die Aussage eines Bewerbers: „Wenn ich dann höre, dass derzeit besonders in meinem Spezialgebiet viele Experten gesucht werden, dann kann ich mich nur wundern.“ Er ärgert sich auch über „Dummy-Ausschreibungen“ von Unternehmen. Firmen „schreiben Stellen aus, die es so noch gar nicht gibt. Damit wollen sie den Markt sondieren und sehen, wer sich potenziell bewerben würde“.

In fachbezogenen Internetforen kann man dann lesen, dass es angebracht sei, „dass der Verein Deutscher Ingenieure keine falschen Zahlen mehr veröffentlicht“. Ein weiterer misslicher Umstand ist, dass frischgebackene Ingenieure meist nicht mehr von den Firmen direkt eingestellt werden: „Leiharbeitsfirmen sprießen seit vielen Jahren wie Unkraut aus dem Boden und vermitteln Ingenieure zur Umgehung des Kündigungsschutzes und der Tarifverträge an Firmen zu Dumpinglöhnen weiter.“ Das Ergebnis: wachsende Arbeitslosigkeit für Ingenieure.

Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erwartet ein deutliches Zuviel an Absolventen. „Der gegenwärtige Run auf ingenieurwissenschaftliche Studienplätze lässt eher ein Überangebot an solchen Fachkräften erwarten.“ Dazu Sönke Fock, Leiter der  Arbeitsagentur Hanburg: „Von den 7 300 freien Ingenieursstellen, die derzeit in der Hansestadt, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zu besetzen sind, wie zumindest der VDI berichtet, ist auf den Karriereseiten und Stellenbörsen der großen Hamburger Firmen jedenfalls nichts zu spüren“.

Der Sprecher von Jungheinrich: „Bei Jungheinrich spüren wir jedenfalls noch nichts von einem generellen Ingenieurmangel.“ Ähnliches gilt bei Lufthansa, Energieunternehmen und Siemens.

Frank Horch, Hamburgs Wirtschaftssenator, meint: „Welches Ausmaß der Fachkräftemangel insbesondere bei den Ingenieuren bereits heute hat, darüber gibt es unterschiedliche Studien, Prognosen und auch Meinungen“, wenngleich damit zu rechnen ist, dass in  wenigen Jahren die Unternehmen einen deutlichen Ingenieurmangel beklagen werden.

Nach der Erfahrung eines anderen Hochschulabsolventen wird von der Industrie statt Innovation eher das Management gefördert. „Ingenieure, die wirklich fachlich arbeiten und technische Probleme lösen, werden als austauschbare Ressource behandelt. Diejenigen, die koordinieren und managen, werden deutlich besser bezahlt“, so seine Meinung.

Dennoch erwartet die Technische Universität Hamburg-Harburg ein Rekordhoch an jungen   Ingenieurwissenschaftlern. „Die meisten unserer Studierenden kommen gut unter, manche sofort, andere suchen einige Wochen, bis sie das Gewünschte finden“, so äußert sich die dortige Pressechefin Jutta Katharina Werner. Es bleibt aber die Frage, zu welchen Konditionen diese Berufseinsteiger eine Anstellung finden.